Was Herr Wohllieb besonders gut kann, ist staunen. Er hat keine Ahnung, wie man Brot backt oder einen Fahrradreifen flickt. Er kann kein Rad schlagen und konnte es auch noch nie. Er kann die Abseitsregel nicht erklären, er kann nicht lange auf einem Bein stehen, und er kann auch nicht so tun, als wüsste er etwas, das er nicht weiß. Aber Herr Wohllieb kann staunen – und das kann nicht jeder, weil man dafür Zeit braucht.
Wenn man in Eile ist und im Geiste bereits den nächsten Urlaub plant, dann übersieht man einiges. Zum Beispiel begegnet einem ein Panflöte spielender Hund, und man denkt „schon wieder so ein freilaufender Köter“ oder „Hoffentlich spielt er nicht ‚El condor pasa’ – und schon ist man vorbei, hat die Straße überquert und wird von der Masse anderer eilender Menschen verschluckt. Und das wäre doch schade, denn ein Hund, der Panflöte spielt, ist etwas, das man nicht alle Tage sieht. Und auch wenn man weder Hunde noch Panflöten mag, ist ihr Anblick in Kombination etwas Besonderes. Manchmal blitzt so ein Moment auf, und dann muss man stehen bleiben, dann muss man aussteigen, mitten auf der Strecke. Sonst ist der Moment vorüber und der Hund verschwunden.
Herr Wohllieb würde dem Hund eine Weile zuhören, freundlichen Applaus spenden und sich fragen, warum er nicht eine Trommel gewählt hat, was doch für Hundepfoten deutlich einfacher wäre. Dann würde er sich womöglich töricht nennen, weil er selbst in der Dusche auch lieber russische Arien singt, obwohl ein Kinderlied einfacher wäre. Der Hund wird eben eine sehnsüchtige Seele haben. Genau wie Herr Wohllieb.
10 sinnlose Sache, die wunderbar sind
- die Befriedigung, die Folie des Nutellaglases anzustechen
- in eine eisüberzogene Pfütze treten, dass es knackt
- Luftpolsterfolie zerdrücken
- eine Kuhzunge oder eine Katzenzunge auf der Hand spüren
- Weintrauben im Mund zerplatzen lassen
- Klebstoff von den Fingern knibbeln
- Kartenhäuser bauen
- Badeschaum langsam zwischen den Händen zusammendrücken und auseinanderziehen
- Sonnenblumenkerne vom Brötchen pulen
- Wattschlick zwischen den Zehen hervorquellen lassen
Susanne Niemeyer: „Herr Wohllieb sucht das Paradies“, 2017
Es grüßt Sie ganz herzlich
Ihre Diakonin Rebekka Tetzlaff