Jemand räuspert sich. Bis eben war es ganz still. Jetzt beginnen die Ersten zu tuscheln. Jemand murrt. Das dauert entschieden zu lang. Und was das soll versteht auch keiner. In Wirklichkeit aber schämen sie sich. Wegen ihrer eigenen Gefühle, die plötzlich da sind, die wollen sie nicht, denn in dieser Stille kann man sich nur vorstellen wie es wäre, selbst dort zu sitzen. Selbst berührt zu werden. Das geht zu weit.
„Nun bringt doch einer dieses Mädchen da weg.“
„Gibt es noch Brot?“
„Das ist jetzt wirklich unpassend.“
„Was soll diese Cremerei?“
„Erlöst den Mann doch endlich! Man sieht doch, dass ihm das unangenehm ist.“
„Wer ist dieses Mädchen eigentlich?“
Die Stimmen erobern den Raum zurück. Der Zauber ist gebannt. Sie lässt die Hände sinken, verunsichert auf einmal.
„Hört auf, ihr verletzt sie.“ Die Stimme des Mannes schafft augenblicklich Ruhe. Leiser fügt er hinzu: „Sie hat mich erkannt.“
Und während in den Köpfen noch die Frage pocht, wie er das meint, erklärt er in einem ruhigen Ton, dass er sterben wird. Eine winzige Sekunde ist es ganz still, dann bricht der Sturm los. So, wie wenn einer eine schwere Krankheit hat und nicht darüber sprechen soll. Wie er das sagen könne, er solle nicht so reden, man dürfe nie aufgeben, er solle aufhören damit und: Kopf hoch. Alles würde gut.
Nur sie denkt: Ich wusste es.
Nur zwei Tage später holen sie ihn, aber sie hat noch immer sein Gesicht in ihrer Hand.
Aus Susanne Niemeyer: „Eva und der Zitronenfalter“, 2017
Es grüßt Sie ganz herzlich
Ihre Diakonin Rebekka Tetzlaff