Sie geht ins Bad und nimmt eine Gesichts-Creme aus dem Regal. Die von Chanel. Die sie zum Geburtstag bekommen hat. Allein der Tiegel sieht teuer aus. Er liegt schwer in ihrer Hand. Sie schraubt ihn auf. Die silberne Folie ist unversehrt. Friederike knibbelt sie ab und atmet den Duft ein. Gut, denkt sie, dann schaut sie in den Spiegel, wendet sich zur Tür, kehrt um und malt ihre Lippen in einem hellen Rotton nach. Dann geht sie hinüber.
Bei Hirschgrubels wird man immer eingelassen. Viele Male hat sie in der hohen Diele gestanden und um etwas Milch gebeten oder um ein Ei. Aber es ist ein Unterschied, ein Ei zu borgen oder einen fremden Mann berühren zu wollen. Das weiß selbst Friederike.
Hirschgrubels haben so eine altmodische Tür mit einer gusseisernen Klinke und einem Türklopfer, den nie jemand benutzt, weil es eine Klingel gibt. Friederike drückt versuchsweise die Klinke herunter. Die Tür ist offen. Sie tritt in die Diele und hört Stimmen, viele Stimmen. Sie kommen aus dem Wohnzimmer. Es scheint eine ganze Gesellschaft da zu sein. Sie ist unsicher. Soll sie? „Friederike!“ Frau Hirschgrubel tritt auf die Diele und lächelt überrascht. Friederike schaut an ihr vorbei, denn sie hat jetzt keine Zeit für Frau Hirschgrubel. Da sitzt er. Sie hatte Recht, er sieht traurig aus. Wenn Friederike Laubenstängel eines nicht ertragen kann, dann ist es der Schmerz anderer Menschen. Da möchte sie herbei laufen, nach beiden Händen greifen und das Blaue vom Himmel versprechen. Mindestens aber möchte sie sagen: Es wird alles wieder gut. Nur dass bei diesem Mann nicht alles wieder gut wird. Friederike Laubenstängel ist keine Hellseherin, aber man braucht auch keine Hellseherin sein, um das zu erkennen. Noch immer steht sie unschlüssig mit einem Tiegel Chanel-Gesichts-Creme in der Hand im Türrahmen. Frau Hirschgrubel fragt, ob sie etwas für sie tun könne, und bietet ihr, als keine Antwort kommt, ein Getränk an. Aber auch das hört Friederike nicht. Sie hat nur Augen für diesen Mann. Sie will ihm etwas Gutes tun. Etwas an ihm sagt ihr, dass das nicht oft passiert. Normalerweise ist er es, der gibt.
Die anderen Gäste schauen. Und auch Frau Hirschgrubel ist mit der Situation überfordert. Sie erwartet eine Erklärung. Was soll‘s, denkt Friederike und tritt in den Raum ohne etwas zu sagen. Denn manchmal ist es besser, erst mal gar nichts zu sagen. Allemal besser jedenfalls, als Erklärungsversuche zu stammeln und alles noch peinlicher zu machen.
Sie durchquert das Zimmer, kniet sich vor den Mann und schraubt den Tiegel auf. Der Mann schließt die Augen, als wüsste er, was kommt. Das gefällt Friederike. Er scheint keine Angst zu haben. Die Creme duftet. Sie streicht sie auf seine Stirn, seine Wangen, auf seiner Nase. Sie cremt seinen Mund. Dann die Augenlider, den Hals. Sie trägt dick auf, sie spart nicht. Es riecht so gut und sie könnte schwören, dass er lächelt unter der dicken Schicht Creme – wegen des Duftes und auch, weil das alles so skurril ist und natürlich wegen ihrer Finger, die seine Haut mögen und die Vertiefungen seines Gesichts, das in ihren Händen liegt.
Friederike Laubenstängel mag skurrile Dinge, weil sie die Zeit ins Stolpern bringen. So ein Moment ist das gerade.
Aus Susanne Niemeyer: „Eva und der Zitronenfalter“, 2017
Es grüßt Sie ganz herzlich
Ihre Diakonin Rebekka Tetzlaff