Tu so als ob

- 19.09.2025 - 

14. Sonntag nach Trinitatis

Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.
Psalm 103,2

Quelle: Jessica Wong, fundus-medien.de

Tu so als ob
Als du das letzte Mal auf einem Kirschbaum geklettert bist, da warst du elf. Er stand in einem Meer von Brennnesseln und meistens war er ein Piratenschiff. Manchmal auch ein Schloss, eine Raumfähre oder der Mount Everest. Zweige wurden zum Baldachin, Brennnesseln das wogende Meer. Du warst Seeräuberbraut oder Robin Hood oder Prinzessin oder alles zugleich. Du klettertest in den Ausguck, du zieltest auf reiche Kaufleute. Das Segel wehte in deiner Fantasie und der Prinz kam herbei, wann immer du wolltest. Das Leben war ein großes Als-ob.
Als du älter wurdest geriet der Kirschbaum in Vergessenheit. Das Leben forderte Vernunft. Das Spiel wurde ernst, aus der Piratenbraut eine Lehrerin oder eine Versicherungsangestellte. Bis an einem unscheinbaren Morgen Gott vor dir steht. „Los“, sagt er, „Wünsch dir was!“ Du bist überrumpelt. „Also, das ist gar nicht so einfach. Was soll man sich denn wünschen?“, fragst du und denkst an deinen Bausparvertrag. „Was immer du erträumst“, antwortet er und sieht ein bisschen ungeduldig aus.
„Ich weiß nicht“, antwortest du ratlos. „Ich bin ungeübt darin.“ „Der Himmel beginnt im Kopf“, erwidert er. „Das Beste ist, du schaust dort nach.“ Und weg ist er. „Gut“, denkst du und klopfst als erstes bei deiner Fantasie an. Sie hat immer Zeit und der Realität ist sie stets einen Schritt voraus. Zudem ist sie meistens einladender. Sie kennt sich aus mit dem Als-ob. „Wird Zeit, dass du vorbei schaust“, sagt sie. „Ich hab mich schon gelangweilt.“ „Oh“, antwortest du. „Das wusste ich nicht. Was machen wir jetzt?“ „Wir probieren aus, wie das ist: einen Tag zu leben, als ob es Gott gibt. Einen Tag zu glauben, dass der Traumprinz wartet. Im Wohnzimmer oder an der Bushaltestelle. Einen Tag Köchin sein. Oder Profifußballer. Keine Fragen, keine Zweifel. Die dürfen morgen wieder kommen. Heute wird der Himmel auf die Erde geholt, ohne zu verhandeln, wo ein Grundstück frei ist. Verstehst du?“ „ Das ist Hochstapelei“, wendest du ein. „Ich bin kein Profifußballe!“ Sie verdreht die Augen. „Du warst auch keine Seeräuberin.“ „Das ist wahr.“, antwortest du und siehst etwas ratlos aus. „Hör zu“, beginnt sie zu erklären, „du sollst nicht vorgeben, klüger, reicher oder schlauer zu sein. Es geht nicht darum, ein anderer Mensch zu sein als du. Sondern darum, so zu tun, als seist du schon der Mensch, der du sein willst. Es geht darum, dem Leben einen Vertrauensvorschuss zu geben. Den Kochlöffel in die Hand nehmen, statt dich mit deiner Kochbuchsammlung zu brüsten. Die Schuhe zu schnüren, statt die Bundesligatabelle runter zu beten. Einfach zu tun, als wäre das Leben so, wie es sein soll. Am Morgen aufstehen, als ob der Tag schön würde. Den Bäcker grüßen, als ob er ein netter Mensch wäre. Den Weg zur Arbeit gehen, als ob es viel zu entdecken gäbe. Ein Curry kochen, als wüsstest du, wie man das macht. Verstanden?“ Du nickst. „Das ist ein Spiel, oder?“ „Das ist mehr als ein Spiel. Das ist leben, als ob es Wunder gibt.“
Aus Susanne Niemeyer „Als ob“, 2016
 
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Quelle: Rebekka Tetzlaff

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