„Gott verlangt übermenschliche Anstrengung von uns.“ – Zum Glück nicht!
Ein Mann hatte einen Garten, der von Disteln und Dornen übersät war. Eines Tages schickte er seinen Sohn hin, ihn zu reinigen. Als der Sohn die Menge des dort wachsenden Unkrauts sah, verlor er allen Mut. Er warf sich zur Erde und schlief. Und so machte er es viele Tage lang. Endlich kam sein Vater, um nachzusehen, was er bereits gearbeitet hat. Da klagte ihm der Sohn voller Unmut sein Leid. Und der Vater entgegnete ihm: mein Sohn, arbeite täglich nur so viel, wie dein Körper bedeckt, wenn du liegst. So wird deine Arbeit voranschreiten und du wirst nicht verzagt sein. Der Sohn hielt sich daran und in Kurzem war der Garten urbar gemacht.
Der Sohn verschließt buchstäblich die Augen vor dem, was zu tun ist – er schläft ein. Das ist die andere Seite des Schlafs: Flucht in die Resignation. Es klingt vielleicht überraschend, aber wir wissen heute: mehr als 10 Stunden Schlaf am Tag führen zu Depressionen.
Die Kirche wirkt auf viele Menschen verschlafen, und auch einschläfernd. Es gibt den sprichwörtlichen „Kirchenschlaf“. „Eure Lampen sollen brennen“, heißt es bei Lukas. Viele Menschen entlockt das vor allem den Seufzer: „Schön wärs!“ Überall entwickelt sich das Leben mit atemberaubendem Tempo, Unternehmen wandeln sich, Strukturen verändern sich in revolutionärer Weise, bloß in der Kirche scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Die Kirche als Institution lebt im ungesunden Rhythmus eines Depressiven: sie schläft, wacht auf – und ist müde. Sie fühlt sich als Opfer und solidarisiert sich mit allen Opfern dieser Erde, sie klagt über die Ungerechtigkeit, zeigt das andere, den Staat, die multinationalen Konzerne, die Strukturen, das Böse im Menschen. Das alles ist nicht falsch. Aber so hat Jesus nie gesprochen. Jesus hat sich zwar ins Boot gelegt und geschlafen. Aber als er aufgeweckt wurde, da war er präsent und geistesgegenwärtig in seinem Reden und Handeln. Wie wird der verwilderte Garten der Kirche wieder urbar? Die Erzählung der Wüstenväter zeigt den Weg: Wir, als Christen, als Kirche, wir müssen nicht die Nöte der ganzen Welt auf unserem Buckel tragen. Wir müssen nicht die Probleme aller Krisengebiete auf dieser Erde lösen. Der kluge Vater riet seinem Sohn, sich bei der Arbeit am eigenen Körper zu orientieren. Das gilt auch für uns als Kirche. Das rechte Maß gibt uns der Körper der Kirche vor, nach menschlichem Maß, Schritt für Schritt. Der erste Schritt beginnt schon heute. Und es geht morgen weiter. So wird der Garten bald wieder blühen.
Aus Werner Tiki Küstenmacher:
„Die 3-Minuten-Bibel“, 2006
Es grüßt Sie ganz herzlich
Ihre Diakonin Rebekka Tetzlaff