Eva Teil 2

- 04.07.2025 - 

3. Sonntag nach Trinitatis

Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.
Lukas 19,10

Quelle: David Clarke, fundus-medien.de

Fortsetzung von Eva Teil 1
 
Nur Frau Hickendahl erkannte Evas Freiheitsdrang. Frieda Hickendahl war eine Schlange. Eine Kriecherin. Sie säte Zwietracht. Das wusste jeder. Wer irgend konnte, ging ihr aus dem Weg. Genau genommen war sie eine arme Kreatur. Eva sprach trotzdem mit ihr, allein schon, weil es das erste ihrer Ziele gebot. Manchmal traf sie Frieda im Bus. Weil der Platz neben ihr so gut wie immer leer blieb, setzte sich Eva zu ihr.
„Lange nicht gesehen…“ Frieda sah Eva bedeutungsvoll an. „Ich dachte, du seist vielleicht schon gar nicht mehr hier.“
„Wo sollte ich denn sein?“ fragte Eva zerstreut, weil draußen ein Zitronenfalter den Bus überholte, und das doch erstaunlich war.
Frieda folgte ihrem Blick. „Der ist freier als wir. Und schneller. Warum bleibst du eigentlich? Du könntest es doch viel weiterbringen. Und schlauer als Adam bist du auch.“
Eva zuckte mit den Schultern. „Wo sollte ich denn hin? Eines Tages erben wir doch alles.“
„Und wenn der Alte ewig lebt?“
Darüber hatte sie selbst schon nachgedacht und auch, wenn sie Gott sehr schätzte, gefiel ihr der Gedanke einer Zukunft zu dritt nicht besonders.
„Drei sind einer zu viel“, sagte Frieda Hickendahl und zeigte beim Lachen viele Zähne.
Im Herbst sprach Eva es schließlich an. Dass sie mehr Freiheit bräuchten, erklärte sie, die Welt selbst entdecken müssen, ihre eigenen Wege gehen. Adam nickte.
„Hat euch die Hickendahl den Floh ins Ohr gesetzt?“ Gott war offensichtlich verärgert.
„Und wenn schon. Manchmal muss man sich was sagen lassen.“
„Aber doch nicht von der!“
„Bist du etwa eifersüchtig?“ Eva lächelte. „Auch schlechte Menschen können Wahres sagen. Selbst dann, wenn sie es gar nicht vorhaben.“
Sie ist schlau, dachte Gott. Er konnte nicht umhin, stolz auf sie zu sein. Sie ist mir ebenbürtig. Ein echtes Gegenüber. Sie wird mir fehlen.
Er wusste, er hatte verloren.
Eva folgte seinem Blick und legte ihre Hand auf seinen Arm.
„Nicht traurig sein, wir sind doch nicht aus der Welt.“
„Pass mir auf den Jungen auf…“
Eva nickte. „Besuch uns mal, ja?“
„Ich?“
„Ja, du.“
Da lernte der alte Gott, sich zu bewegen. Das änderte alles. Und Schuld daran war einzig und allein Eva.
„Ruft mich an“, sagte er. „Dann komme ich zu euch.“
Aus Susanne Niemeyer: „Eva und der Zitronenfalter“, 2017
 
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Quelle: Rebekka Tetzlaff

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