Eva war 32 Jahre alt und hatte einen passablen Mann. Der war möglicherweise weniger klug als sie, aber häuslich und verlässlich. Er hieß Adam. Adams Vater war Gott. Damit muss man erstmal klarkommen, auch als Schwiegertochter. Gott hatte ein Universum geschaffen, in dem er der Chef war, über alles Bescheid wusste, bedingungslosen Gehorsam wünschte und dafür bereit war, viel Liebe zu geben. Adam sollte es eines Tages übernehmen, aber wann genau dieser Tag war, das wusste niemand, und manchmal fragte sich Eva, ob er überhaupt je kommen würde. Denn dass Gott sich von seiner Macht trennte, das war so schwer vorstellbar wie eine Welt jenseits der Welt.
Adam kam also aus geborgenen Verhältnissen, während Evas Herkunft ungewiss war. Gott gefiel das. Auch deswegen hatte er sie für seinen Sohn ausgesucht. Weil sie ein unbeschriebenes Blatt war. Jedenfalls dachte er das. Aber darin hatte er sich getäuscht (was niemand erfahren sollte). Denn Eva hatte Ziele für ihr Leben, und bisher hatte es keinen Grund gegeben, sie aus dem Blick zu verlieren.
Sie wollte
- alles hinterfragen und unbedingt unvoreingenommen sein
- 3 Kinder bekommen, wäre ich Geschlecht war ihr egal
- trotzdem die Welt sehen
- niemals stricken
- Schmerz ertragen und
- zuversichtlich sein.
Eva fragte Adam Sachen wie: magst du lieber das Gelbe oder das Weiße vom Ei? Könntest du eher auf ein Bein oder auf einen Arm verzichten? Meinst du, dass es erst Bienen oder erst Honig gab? Adam wurde schwindelig davon. Er dachte nicht so viel nach und verstand auch nicht, warum man sich überhaupt für die eine oder die andere Sache entscheiden soll, wenn man doch alles haben kann. „Es ist hypothetisch“, sagte Eva. „Es geht darum, sich vorzustellen, was sein könnte.“ Adam fand, man könnte sich einfach mit dem begnügen, was ist. Denn das war ja schon eine ganze Menge.
Eva erkannte schnell, dass Gott ein Problem hatte: Das Universum drehte sich um ihn, und wenn sich alles um einen selbst dreht, dann ist das auf Dauer kaum auszuhalten. So gesehen war Eva Gottes Rettung.
Alle beneideten Eva um ihr Dasein. So jung, so klug, die Zukunft schon in der Tasche. Und schön war sie, das muss man schon sagen. Auf eine herbe Art war Eva schön. Es gab also nichts, worum sie sich sorgen musste. Für Eva war gesorgt.
Aus Susanne Nimeyer: „Eva und der Zitronenfalter“, 2017
Fortsetzung folgt.
Es grüßt Sie ganz herzlich
Ihre Diakonin Rebekka Tetzlaff