Lücke

- 20.06.2025 - 

1. Sonntag nach Trinitatis

Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich.
Lukas 10,16a

Quelle: Alesia Gritcuk, fundus-medien.de

Als Herr Wohllieb wie gewöhnlich um 05:30 Uhr aufwacht, ist etwas anders. Draußen rauscht der Verkehr. Der Schlüssel hängt am Haken. Die Kaffeemaschine wartet darauf, eingeschaltet zu werden. Und trotzdem. Die verlässliche Vorfreude auf eine Tasse Kaffee mit einem halben Teelöffel Zucker ist über Nacht abhandengekommen. Das kennt Herr Wohllieb sonst nur von Halsschmerzen. Aber er hat keine Halsschmerzen, er fühlt sich kerngesund. Vielleicht ein bisschen unruhig. Er beschließt, seinen Puls zu messen, weil man das so macht. Dann fällt ihm auf, dass er gar nicht weiß, wie schnell ein gesunder Puls zu schlagen hat. Er lässt seinen Arm wieder los. Unschlüssig schaltet er das Radio ein. Eine Weile steht er am Fenster, als er merkt, dass er gar nicht zuhört. Dass es ihm egal ist, welche Hits man in den Achtzigern, Neunzigern und Zweitausendern hörte. Er schalte das Radio aus. Schlagartig ist es still. Was nun?
Er hat keine Pläne. Das Hafermüsli, das er seit 17 Jahren jeden Morgen mit einem kleinen Becher Zitronenjoghurt mischt, kommt ihm auf einmal fad vor. Stimmt etwas nicht mit ihm? Er sieht sich um, sieht an sich herab, selbst der Mintton seines Mittwochspyjamas scheint verblasst zu sein. Er macht ein paar Kniebeugen. Der Holzboden knackt. Vielleicht sind es auch seine Knochen. Es ändert nichts. Eine Lücke hat sich aufgetan. Im Sonnenlicht sieht er die Staubkörnchen hineinrieseln.
Er beschließt, einen Spaziergang zu machen. Dabei kommt man auf andere Gedanken. Aber als er nach einer Stunde wieder in seine Wohnung zurückkehrt, liegt die Lücke immer noch da. Herr Wohllieb umrundet sie vorsichtig, und nachdem er eingesehen hat, dass sie sich nicht ignorieren lässt, setzt er sich vorsichtig an ihren Rand und lässt die Beine baumeln. Vor ihm liegt nichts. Er fragt sich: Ist das jetzt gut oder schlecht?
 
10 schöne Lücken
  1. eine unerwartete Stunde Zeit
  2. aufreißender Himmel
  3. Zäune, durch die man schauen kann
  4. die Lücke im starken Verkehr, durch die man auf die andere Straßenseite gelangt, ohne die 100 Meter entfernte Ampel zu nutzen
  5. Fenster
  6. der Augenblick zwischen Wachen und Schlaf
  7. der Moment, in dem ein Gedanke zu Ende gedacht, der nächste aber noch nicht begonnen ist
  8. die erste Zahnlücke leben
  9. L-ü-c-k-e in „glücken“
  10. Urlaub
Aus Susanne Niemeyer: „Herr Wohllieb sucht das Paradies“, 2017
 
Es grüßt Sie ganz herzlich
Ihre Diakonin Rebekka Tetzlaff
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Rebekka Tetzlaff

Quelle: Rebekka Tetzlaff

Diakonin