Man müsste das Paradies finden, denkt Herr Wohllieb. Nicht erst nach dem Tod, sondern vor dem Tod. Wozu so lange warten?
Dass das Paradies im Himmel sein soll, fand er schon immer unwahrscheinlich. Warum sollte Gott einen Wohnsitz gewählt haben, der so weit entfernt von allen anderen ist?
Wenn man glaubt, was geschrieben steht, hat er in einem Anfall von Zorn die ersten Menschen vor die Tür gesetzt. Diese Tür müsste man finden. Denn es wäre doch möglich, dass Gott dahinter wartet, dass es ihn reut, seine einzigen Nachbarn rausgeworfen zu haben. Am Anfang war es vielleicht noch schön. Ruhig und ordentlich, niemand, der das Treppenhaus verschmutzt. Aber irgendwann kann auch die aufgeräumte Wohnung nicht mehr darüber hinwegtäuschen, dass man einsam ist. Selbst wenn sie ein Paradies ist.
Dann schafft man sich eine Katze an. Möglich, dass Gott eine Katze hat, denkt Herr Wohllieb, ein Tierliebhaber wird er sein. Denn immerhin hat er die Tiere vor den Menschen gemacht. Und wenn man eine Kellerassel vor einem pausbackigen Baby macht, dann muss man schon sehr tierlieb sein.
Aber niemand ist auf Dauer wirklich glücklich mit Kellerasseln. Da ist sich Herr Wohllieb sicher. Und deswegen beschließt er, die Tür zu suchen und zu läuten, ganz unverbindlich. Nachzufragen, was die Levkojen machen und ob Gott nicht auf ein Stück Baiserkuchen vorbeikommen möchte, dann würde er auch Sophie kennenlernen. Sophie kann einem nämlich das Leben versüßen, meistens dienstags. Manchmal auch sonntags, das weiß man nie genau. Aber das macht nichts, weil Herr Wohllieb sich auf Sophie freut, und dieses freuen ist fast so gut wie das Treffen selbst.
Vielleicht, denkt Herr Wohllieb, geht es Gott genauso, und er wartet auf das Klingeln. Trotz der Katze und der Kellerasseln.
Susanne Niemeyer: „Herr Wohllieb sucht das Paradies“, 2017
Es grüßt Sie ganz herzlich
Ihre Diakonin Rebekka Tetzlaff