Enttäuschung

- 25.09.2026 - 

17. Sonntag nach Trinitatis

„Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“
1. Joh 5,4c

Quelle: Michael Heuser, fundus-medien.de

Herr Wohllieb steht beim Bäcker, um ein Plunderteilchen zu kaufen. Freitags ist Punderteilchentag. Beim Hinausgehen hört er einen Mann sagen: „Das habe ich mir aber anders vorgestellt.“ Es klingt vorwurfsvoll. Herr Wohllieb bekommt nicht mehr mit, was dieser Mann sich anders vorgestellt hat, vielleicht seine Ehe oder eine im Internet bestellte Couchgarnitur, möglicherweise das ganze Leben. Auch das kann man sich ja anders vorgestellt haben, es gibt keine Garantieleistung. Man kann niemanden verklagen außer vielleicht Gott, aber auch da ist der Ausgang ungewiss.
Herr Wohllieb denkt im Weitergehen über diesen Satz nach und über den vorwurfsvollen Ton des Mannes. Er hätte ihn gern gefragt, an wen sein Vorwurf sich richtet. Denn von was auch immer er enttäuscht ist, das Versagen scheint doch auf seiner Seite zu liegen. So hat er es sich nicht vorgestellt. Hätte er es sich anders vorgestellt, wäre alles gut.
Herr Wohllieb würde den Mann gern trösten. „Hören Sie“, würde er sagen, „kein Mensch kann sich alles richtig vorstellen. Eine Zeit lang habe ich es versucht, ich wollte die Welt meinen Vorstellungen anpassen. Aber das ist ein mühsames Geschäft. Man kommt zu nichts anderem mehr. Ich wurde regelrecht depressiv. Deshalb habe ich damit aufgehört. Ich lasse mich einfach überraschen. Plunderteilchen gefällig?“
 
10 Sachen, die anders sind als gedacht
 
  1. Gott (nicht logisch)
  2. erwachsen sein (auch nicht logisch)
  3. sterben (von außen betrachtet nicht so leicht)
  4. lieben (von innen betrachtet nicht so leicht)
  5. in einem Sterne-Restaurant essen (mühsam)
  6. 1000 Kilometer gehen (weniger mühsam)
  7. wagemutig sein (merkwürdig unspektakulär)
  8. zum neunten Mal in Norwegen reisen (immer noch spektakulär)
  9. lackierte Fingernägel (halten nie)
  10. seidene Fäden (halten öfter als gedacht)
 
Aus „Herr Wohllieb sucht das Paradies“ von Susanne Niemeyer
 
Es grüßt Sie ganz herzlich
Ihre Diakonin Rebekka Tetzlaff