„Ich glaube“, beginnt Sophie, „Ihrem Gott gefällt das Paradies besser ohne Mauer. Wer will schon in einem Garten sitzen, der ein Gefängnis ist?“
“Er ist ja groß, dieser Garten“, wendet Herr Wohllieb ein.
“Auch ein großes Gefängnis bleibt ein Gefängnis. Und wozu wäre die Mauer da? Sperrt sie etwas aus, oder sperrt sie etwas ein?“
“Sie beschützt das Wahre, Schöne, Vollkommene“, schlägt Herr Wohllieb vor.
“Nein, nein“, widerspricht Sophie. „Das Wahre, Schöne, Vollkommene wird viel nötiger draußen gebraucht, in der Welt. Da fehlt es doch. Denken Sie an die Geschirrtücher Ihrer Mutter. Man muss sie benutzen, wozu sonst sind sie da? Man muss damit leben, dass sie sich abnutzen. Dass sie beschmutzt werden. Dass sie reißen. Ich glaube, Ihr Gott weiß das, deshalb hat er eines Tages die Mauer eingerissen. Das Paradies findet mit allen statt.“
Herrn Wohllieb wird ein bisschen unwohl bei dem Gedanken, denn er mag geordnete Verhältnisse. In seinem Schrank zum Beispiel gibt es ein Fach für warme Socken und ein anderes für mittelwarme Socken. Seine Bücher sind nach Farben geordnet, und in einen Pfefferstreuer würde er niemals Salz füllen. Es würde ihn schmerzen, wenn das jemand ducheinanderbrächte, aus Unachtsamkeit oder aus Mutwillen.
“Vielleicht lebt Ihr Gott mit diesem Schmerz jeden Tag“, sagt Sophie.
“Oh“, sagt Herr Wohllieb und erschrickt.
10 Sachen zum Aufrichten
- Blumenranken nach dem Regen
- geknickte Herzen
- der eigene Rücken
- ein Zelt vor dem Regen
- mutlose Freunde
- ein Schutzwall (aus Sandsäcken bei drohender Flut, aus dickem Fell bei anderen Angriffen)
- ein Weihnachtsbaum (am 24.12.)
- ein Nackenhärchen
- das eigene Weltbild
- der Jengaturm, das Kartenhaus, die Dominosteine, nachdem ein Elefant das Zimmer gequert hat
Aus „Herr Wohllieb sucht das Paradies“ von Susanne Niemeyer

