„Kind“, sagt die Mutter, „du bist zu gefühlig. Damit kommst du nicht weit in der Welt.“ Friederike Laubenstängel kann fühlen, wenn ein Sturm kommt. Sie fühlt ein heraufziehendes Gewitter, einen Streit, aber auch eine bevorstehende Liebeserklärung, den Moment vor dem Fallen, eine Lüge. Sie spürt wenn eine Katze trächtig ist. Sie kann auch fühlen, wenn etwas außer Kontrolle gerät oder ob jemandem eine Tasse Tee gut tut oder eher ein Schnaps. Sie weiß, wenn jemand Trost braucht (selbst, wenn er keine einzige Träne vergießt), wenn die Orchidee Schatten will und sie spürt, wenn jemand gerne ein Butterbrot mit Käse hätte, es aber nicht wagt, darum zu bitten.
Eines nachmittags kommt ein Mann zu den Nachbarn. Friederike steht am Fenster und beobachtet ihn. Sie kennt ihn nicht, aber er sieht müde aus. Er kann seinen Kopf kaum halten, und er fährt sich durchs Gesicht, als wolle er einen Geist vertreiben. Der Mann ist schön, trotz seiner Müdigkeit sieht Friederike das. Er sieht entschieden und warmherzig aus, und das ist wie eine Mischung aus Kakao und Honig. Friederike mag beides, deshalb bleibt sie am Fenster stehen. Sie sieht, wie der Fremde begrüßt wird, wie er seine Tasche abstellt und die Schuhe auszieht. Seine Füße sind braun. Dann geht er hinein.
Im Nachbarhaus wohnen Hirschgrubels. Sie sind wohlhabend, zuvorkommend und eilfertig. Es wird gutes Essen geben und die Musik wird zu den Servietten passen. Das schon. Er wird trotzdem nicht kriegen was er braucht, denkt Friederike. Gedankenversunken schaut sie auf die jetzt wieder geschlossene Tür und geht eine lange Liste von Dingen durch, die ihr selber guttun würden: eine Wärmflasche, eine Wolldecke mit gehäkelten Blumen, Kopfhörer. „Die Grasharfe“ von Truman Capote. Cola mit Limetten. Schlaf. Tischtennisschläger.
Nein, nein, nein, denkt sie. Das ist alles nicht das Richtige. Was der Mann braucht, ist Berührung. Sie hält überrascht inne. Und dann denkt sie noch: außerdem will ich ihn gerne berühren.
Aus Susanne Niemeyer: „Eva und der Zitronenfalter“, 2017
Es grüßt Sie ganz herzlich
Ihre Diakonin Rebekka Tetzlaff

